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Aus meteorologischer Sicht dauert der antarktische Herbst vom 1.3. bis zum 31.5. Somit ist der April mittendrin im antarktischen Herbst. Und man wird sich bewusst: Der Sommer mit seinen angenehmen Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt ist längst Geschichte, aber auch der dunkle Winter ist noch nicht vollends da. Dennoch merkt man, dass die wärmenden Sonnenstrahlen weniger werden. Für viele, die den ersten Winter in Halley sind, war die erstmalige Unterschreitung der Temperaturgrenzen von -30 °C und Mitte April sogar -40 °C eine aufregende und neue Erfahrung. Ende April jedoch bemerkt man die niedrigen Temperaturen eher dadurch, dass das Anziehen der vielen Schichten Kleidung fast doppelt so lange dauert. Ich fand es bemerkenswert, dass die Temperaturdifferenz zwischen Halley und dem heimischen Braunschweig an einigen Tagen knapp 70 °C betrug, ein Wert, den man sich sehr schwer vorstellen kann. Der April war übrigens der kälteste April in Halley seit beginn der meteorologischen Aufzeichnungen hier, somit seit mehr als 50 Jahren.

Das erste Mal minus 40 C
Minus 40 °C. Für die meisten, die das erste Jahr überwintern eine neue Erfahrung.

Begonnen hat der April mit der Ankündigung einiger merkwürdig erscheinenden Aufgaben. Viele erkannten jedoch rechtzeitig genug, dass es sich um Aprilscherze handelte. Dave wurde allerdings beobachtet, wie er die von Tamsin aufgetragene Sastrugi Höhenmessung und Häufigkeitsverteilung durchführte. James stand dem Doc mit dem Pinsel zur Hand, um alle Tonnen im Umfeld der Station orange zur streichen. Aber zumindest Dave hat einen Weg gefunden, sich zu rächen. Tamsin hat etwas gebraucht, bis sie das neue Passwort für Ihren Computer herausgefunden hat und weiß nun, dass es nicht ohne Risiko ist, den Bildschirm nicht zu sperren, wenn man nicht am Arbeitsplatz ist...

Dave misst Sastrugi
Dave bei seiner wissenschaftlichen Sastrugi Messung.

Kein Aprilscherz war es, als ich in der Nacht vom 1. April geweckt wurde. Wir haben einen Aurora-Weckdienst eingerichtet und die erste Aurora Australis präsentierte sich in schimmernden grünen Farben am Firmament. Wie für mich war es auch für einige andere Überwinterer das erste Polarlicht, das ich je gesehen habe. Es gab im April schon einige sternenklare Nächte mit Auroras, und ich hoffe, dass noch viele weitere dazukommen, dann dieses Naturschauspiel ist einfach einzigartig.

Aurora am 22 April
Im April wurden die ersten schönen Polarlichter beobachtet.

Arbeitstechnisch ist nun bei vielen etwas Routine reingekommen. Außerdem lassen die Wetterbedingungen die Arbeiten im Freien schwerer und langsamer werden. Nachdem die Exkursionen ins Feld nun beendet sind, versucht sich Sune nach fast 6 ununterbrochenen Wochen im Zelt wieder auf der Laws Platform zurechtzufinden. Neil verbringt weiterhin 60 Arbeitsstunden oder mehr pro Woche im CasLab. Übertroffen wird das vielleicht nur noch von Mat, der noch mehr Zeit in der Garage verbringt und die Halley Fahrzeugflotte wartet.

Im April haben die MetBabes (Tamsin, Kirsty und Dave) neben ihrer routinemäßigen Arbeit auch diverse Wartungsarbeiten an den meteorologischen Sensoren durchgeführt und die Micro-Barographen rekalibriert.
Außerdem verfügt Halley nun auch wieder über eine zweite umweltfreundliche Energiequelle. Neben der Solaranlage (die ironischerweise die Kraftstoffpumpen der Tankstelle versorgt) ist nun auch eine Windkraftanlage in Betrieb gegangen. Julius und Neil haben die Anlage errichtet, die nun genug Energie liefert, um einige wissenschaftliche Geräte mit Strom zu versorgen.

Diese Energieansätze sind natürlich vorbildlich, reichen jedoch nicht aus, um all die Energie zur Verfügung zu stellen, die auf der Station benötigt wird. Darum kümmert sich Andy darum, dass die Generatoren auf der Laws und Piggott Platform stets gut gewartet ihren Dienst verrichten. Dazu gehört auch das regelmäßige Nachfüllen der Flubber (wabbelige Kraftstoffvorratsbehälter) mit Sprit. Um nicht im tiefsten Winter diese Arbeit zu verrichten, hat er mit Hilfe von Brian und James diese Aufgabe Ende April erledigt.

Flubber
Einer der beiden Flubber Tanks in den Tunneln der Laws Platform.

Hin und wieder tragen wir Überwinterer auch dazu bei, dass einige Leute weitere Aufgaben bekommen. So gehört es für Brian mittlerweile fast schon zur Routine, die Schaufeln und Funkgeräte aus dem Schmelzwassertank zu fischen, die wir reinfallen lassen. Antony, unser 5 Sterne delux Chefkoch hat mit seiner Nachtschicht (und seinen planmäßig freien Tagen) dafür gesorgt, dass fast jeder im April mindestens einen Tag in der Küche verbracht hat. Dabei bin ich sicher nicht der einzige, der begriffen hat, wie schwer es ist, möglichst auf alle unterschiedlichen Geschmäcker einzugehen und dann das vielfältige Essen auch noch pünktlich zur Essenszeit fertig zu bekommen.

Ende April präsentierte uns Richard, der Arzt seine Pläne zu seinen Winterstudien. Alle können auf freiwilliger Basis darin involviert werden. Darüberhinaus wurde eine Tunnelrettung geübt. Das Team hat es letztlich geschafft, den Patienten mit einer Winde an die Oberfläche zu bekommen. Der Dummy wurde nicht nur schnell gerettet, er hat es auch gut verkraftet, abgesehen davon, dass er den Kopf verloren hat.

Tunnelrettung
Die Gruppe, die den Dummy aus dem Tunnel gerettet hat. Von links nach rechts, hintere Reihe: Andy, Julius, Sune, Mark, Pete, Brian, Richard. Vordere Reihe von links nach rechts: James, Tamsin, Antony. Mitte, vorne: Der gerettete Dummy.

Abschließend noch einige wenige Worte zu meinem UAV (unmanned aerial vehicles = unbemannte Flugzeuge) Projekt im April. Durch die Flüge im Bereich der Station und außerhalb haben wir sehr viel gelernt. Diverse technische Verbesserungen haben das Gesamtsystem noch Antarktis-tauglicher gemacht. Dazu beigetragen hat aber nicht nur die intensive Arbeit vor Ort (und in Cambridge), sondern auch die Arbeit meiner Kollegen daheim im Institut für Luft- und Raumfahrtsysteme der TU Braunschweig.
Es hat sich auch herausgestellt, dass sich das durch BAS modifizierte SnoCat, das für Flüge außerhalb des Stationsbereiches als Transportmittel und als UAV Bodenstation dient, absolut bewährt hat. Mittlerweile ist auch das Kernteam, bestehend aus Pilot (ich selbst) und Bediener der Bodenstation (Alex oder Julius) gut eingespielt. Weitere freiwille Helfer ließen sich auch immer leicht finden, wenn ich welche benötigt habe. Persönlich habe ich vor allem gelernt, dass man in der Antarktis sehr geduldig sein muss. Es bringt nicht viel, Mensch und Material zu gefährden, wenn die (zumeist Wetter-) Bedingungen nicht gut sind. Aufgrund der zu geringen Temperatur für die Batterien des Flugzeugs steht mir die Winterpause zur Verfügung, um die Flugzeuge zu warten, weiter zu verbessern und neue Sensorik (Infrarot Thermometer) abschließend einzurüsten. Die Winterzeit wird mir auch Gelegenheit geben, öfter mal etwas über den Tellerrand zu sehen, und den anderen Überwinterern bei Ihrer Arbeit zu helfen.

UAV und SnoCat
Alles startklar für einen UAV Flug außerhalb des Stationsgebietes. Alex (rechts) und ich. Dank an Richard für das Foto.

Neben all der Arbeit kommt aber auch die Freizeit nicht zu kurz. Kite-Borading und Kite-Skiing ist sehr beliebt in Halley und zählt auch zu meinen persönlichen Freizeitfavoriten. Obwohl Wetter und Tageslicht das Kiten immer seltener möglich machten, gab es im April doch hin und wieder noch mal die Möglichkeit auf dem Snowboard dahinzugleiten. Höchstwahrscheinlich wird nur Chris den gesamten Winter durch kiten. Im April konnten weder Dämmerung, noch -43 °C ihn vom Kiten abhalten.

Kirsty, Tamsin, Julius, James, und Alex haben beschlossen, dass das gelegentliche Schaufeln für den Schmelztank nicht genug ist und haben kurzerhand an einem Abend ein tiefes Loch in den Schnee gebuddelt. Ziel war nicht die Suche nach Öl, sondern das Wiederfinden einer Eishöhle, die 2003 mal gebuddelt wurde. Letztlich, nach einem kompletten Tag Schaufeln haben sie es auch geschafft. Abends war jeder zu einem Umtrunk in der Höhle willkommen.

Eishoehle
Antony und Dean in der Eishöhle. Foto bereitgestellt von Dave.

Karfreitag hatten wir ein nettes BBQ bei -30 °C draußen. Antony war voll in seinem Element und servierte uns heißes, gegrilltes Essen. Für alle neuen Überwinterer war es das kälteste Grillen aller Zeiten. Ostersonntag haben alle nach den Ostereiern gesucht, die Tamsin auf der Laws Platform versteckt hat. Einige werden wahrscheinlich erst in Jahren bei der Demontage von Halley V gefunden, wenn Halley VI schon lange in Betrieb ist.

BBQ bei minus 30C
BBQ mit gegrilltem Essen. Lecker.

Fast wäre der April ohne Geburtstagsparty gewesen, doch wo keine Party ist, da macht man sich eine. Darum wurde im April Deans Geburtstag nachgefeiert. Dean hatte während der Abladephase der Shackleton Geburtstag und konnte daher nicht feiern. Das haben wir mit einer Motto-Party im April nachgeholt. Thema war diesmal Cartoon und andere animierte Charaktere. Alle hatten auf der Party eine gute Zeit.

Cartoon party
Deans Geburtstagsparty. Motto: Cartoon und animierte Filmcharaktere.

Ansosnten ist auch bei den Freizeitaktivitäten etwas Routine reingekommen. Es gibt regelmäßige Veranstaltungen unter der Woche. Ich gebe zum Beispiel immer Dienstags eine Stunde Deutschunterricht. Außerdem werden die Abende und Wochenenden von allen mehr und mehr dazu genutzt, das Midwintergeschenk zu basteln.

Insgesamt war der April also ein weiterer aufregender Monat in Halley. Persönlich freue ich mich auf weitere Monate voller neuer Erfahrungen und Eindrücke. Sonnenuntergang, weitere Auroras, Midwinter, Sonnenaufgang, die ersten UAV Flüge über Meereis, weitere Exkursionen ins Feld und vieles mehr.

Schneemann und der Autor
Autor: Thomas Spieß (FOCAS UAV Wissenschaftler) mit dem Schneemann, den ich für meinen Neffen gebaut habe.